Autor: Koni Rohner

05. August 2010, Beobachter 16/2010


Psychologie Ist Hypnose gefährlich?

Freddy S.: «Meine Frau kann gut schwimmen, aber sie hat zum Beispiel Angst, von einem Boot ins Wasser zu springen. Nun will sie die Angst in einer Hypnose-Session überwinden. Kann so was überhaupt nützen, und besteht nicht Manipulationsgefahr?


Eine einzelne Sitzung wird wohl nicht reichen aber grundsätzlich kann Hypnose Ängste lindern. Wichtig ist, dass sich Ihre Frau nicht an einen selbsternannten Heiler, sondern an einen qualifizierten Hypnotherapeuten wendet.


Es gibt Leute, die von Hypnose Wunderheilung ohne Anstrengung erwarten. Andere bezeichnen sie als Hokuspokus. Vielleicht haben Sie einmal eine Show gesehen, in der Leute barfuss über Glasscherben gingen, stocksteif auf zwei Stuhllehnen lagen oder sich hemmungslos auszogen. Mit Hypnose hat das alles wenig zu tun. Die Scherben sind präpariert, jeder kann sich einige Minuten steif machen, und viele ungewöhnliche Dinge tun die Teilnehmer nur deshalb, weil sie von der Atmosphäre und dem Bühnenhypnotiseur beeindruckt sind und für ihren Gehorsam mit Applaus belohnt werden. Meist besteht gar kein richtiger Trancezustand.


Trotzdem: Die Hypnose gibts. Man kannte sie schon vor 3000 Jahren, seit vielen Jahrzehnten wird sie experimentell und klinisch erforscht, und in den letzten Jahren wurde ihre Anwendung immer mehr ausgebaut.


Der hypnotische Zustand ähnelt zwar äusserlich dem Schlaf, hat aber mehr mit Meditation oder autogenem Training gemeinsam. Er ist eigentlich nichts anderes als eine Einengung der Aufmerksamkeit. Die Umgebung wird nicht mehr wahrgenommen, die Vorstellungsfähigkeit wird stärker, das Alltagsdenken ist weitgehend ausgeschaltet, das Unbewusste übernimmt in intuitiverer Weise die Führung.


Dass dies alles eine grosse Chance für psychotherapeutische Prozesse ist, hat der Amerikaner Milton H. Erickson seit Ende der fünfziger Jahre in langjähriger Praxis entdeckt und darauf seine Hypnotherapie aufgebaut. Der Therapeut kann den Klienten im Trancezustand etwa in seine Kindheit zurückführen, ins bildhafte Erleben schöner oder belastender Szenen. Dabei vertraut er auf die Fähigkeit des Unbewussten des Klienten, selbständig neue, flexiblere Lösungen für Lebensprobleme zu finden. Und er kann ihm auch wirksamere Verhaltensmuster suggerieren. Dabei werden immer nur die Ressourcen des Klienten verwendet, ungenutzte Möglichkeiten, die bereits in ihm drinstecken. Im Grunde wird also seine Selbstheilung gefördert.


Man braucht keine Angst vor der unbegrenzten Macht eines Hypnotiseurs zu haben, der verbrecherische oder selbstschädigende Handlungen befehlen könnte. Unter Hypnose kann nichts getan werden, was man sonst nicht auch tun würde. Niemand ist ausserdem gegen seinen Willen hypnotisierbar. Mitarbeit und Kommunikation des Klienten sind unerlässlich.


Die Einleitung des Zustands geschieht auch nicht durch den unwiderstehlichen Blick eines allmächtigen Hypnotiseurs, sondern durch geschickte Anweisungen des erfahrenen Therpeuten, die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand oder ein inneres Bild zu richten.


Nicht alle Menschen sind im gleichen Masse hypnotisierbar. Diese Fähigkeit ist messbar; man hat herausgefunden, dass fünf Prozent der Leute sehr leicht und fünf Prozent überhaupt nicht in der Lage sind, diesen Zustand zu erleben.


Hypnose findet in der Psychotherapie und in der Medizin vielfältige Anwendungen. Der hypnotische Zustand hat nämlich zum Beispiel messbare Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, die Hormone und die Immunabwehr. Empirisch nachgewiesen sind unter anderem auch die Wirksamkeit bei der Raucherentwöhnung, bei der Geburtshilfe und bei Angst vor dem Zahnarzt.