Abkehr von autoritären Hypnoseverfahren

So berichtet der Hypnotherapeut Burkhard Peter vom Fall eines Studenten mit Prüfungsangst, dem erfolgreich Entspannung in Testsituationen suggeriert worden war, woraufhin er in den folgenden Prüfungen nicht mehr genügend Energie aufbrachte und erneut versagte. Zudem wird Hypnose bis heute landläufig mit Macht über willenlose Menschen assoziiert - ein Image, zu dem vor allem gruselige Bühnenshows beitrugen.


"Meist sind deren Teilnehmer aber gar nicht in wirklicher Trance", sagt der Hypnotherapeut Walter Bongartz. Show-Hypnotiseure suchten sich bloß diejenigen aus dem Publikum heraus, "die sehr willig ihren Anweisungen folgen und gern im Rampenlicht stehen - auch wenn sie sich lächerlich machen."

Dazu passten die autoritären Hypnoseverfahren, nach denen selbst ernsthafte Therapeuten noch bis in die Siebzigerjahre hinein arbeiteten. Ohne individuelle Erlebnisse und Bilder des Patienten zu erfragen und zu nutzen, verfuhren sie bei allen Klienten nach demselben Schema - führten sie in Trance und gaben dann Handlungsanweisungen: "Du hast keine Angst mehr vor Hunden!" oder: "Du lässt das Rauchen sein!"


Dass dieses gebieterische Vorgehen heute fast verschwunden ist, verdanken Patienten dem amerikanischen Hypnotherapeuten Milton Erickson (1901-1980), der als Jugendlicher an Kinderlähmung erkrankt war und sich mit mentalen Kräften selbst wieder auf die Beine geholfen hatte: Stundenlang starrte er auf seinen unbeweglichen Arm und stellte sich vor, wie es sich anfühlt, eine Heugabel zu halten.


Bald konnte er wieder greifen. Nach demselben Prinzip verfuhr er mit seinen Beinen und konnte schließlich ohne Hilfsmittel wieder gehen. Nach seiner therapeutischen Lehre sind die individuellen Innenwelten der Patienten wichtig für die Behandlung, aus ihnen selbst soll die Lösung kommen.


Kein Gefühl von Fremdbestimmung

Dazu gehört nicht nur, dass sich heutige Hypnotherapeuten "zurücknehmen und auf Augenhöhe mit dem Patienten zusammenarbeiten", wie Burkhard Peter betont, sondern auch, dass sie dem Patienten "seine inneren Stärken bewusst machen".


Kaum haben sich die Hände der Journalistin in Ortwin Meiss' Hamburger Praxis scheinbar ohne ihr eigenes Zutun berührt, zeigt der Psychologe ihr diese Stärke: "Nun wird die eine Hand allmählich leichter und die andere schwerer. Und die leichtere Hand steigt ganz von selbst hoch, und die schwerere Hand sinkt hinab", sagt er langsam - während sich fast augenblicklich die linke Hand der Probandin bis zu ihrer Stirn hebt, die rechte aber absackt.


Es fühlt sich gar nicht fremdbestimmt an. Es fühlt sich an, als sei irgendwo im Körper eine ungeahnte Kraft erwacht und strebe an die Oberfläche - ein Eindruck, der gewollt ist.


"Ein Patient, der sich als hilflos empfindet, erlebt durch hypnotische Rituale wie die Arm-Levitation, dass er in sich große Ressourcen hat", erklärt Burkhard Peter. Für diese Reserven benutzen Hypnotherapeuten meist die Metapher des "Unbewussten". Der unpräzise Begriff soll den Patienten entlasten, denn Unbewusstes kann man nicht steuern, aber es gehört dennoch zu einem selbst.

Es ist nichts Fremdes, sondern "der personifizierte Teil des Patienten, der zur Überwindung der Symptome geeignet ist", sagt Burkhard Peter: tief verinnerlichte Bilder, vergessene aber prägende Erfahrungen. Dass man diese eigenen Kräfte, Vorstellungen, sind sie einmal in Hypnose mobilisiert, auch selbst nutzen kann, ist ein heilsamer Effekt vieler Sitzungen.


Der Zustand nach der Hypnose

Das zeigt zum Beispiel der Fall eines Finanzberaters, von dem der Tübinger Psychologieprofessor und Hypnoseexperte Dirk Revenstorf berichtet: Der Mann litt, als sich das Arbeitsklima in seiner Firma verschlechterte, zunehmend an Konzentrationsschwäche, Hitzewallungen und schwitzenden Händen.


In einigen Sitzungen erlernte er, Erinnerungen an eine schöne Bergwanderung heraufzubeschwören. Wann immer er wollte, genoss er anschließend in Selbsthypnose den Anblick der Natur von oben, die frische, klare Luft, die Stille. "Das ermöglichte eine Distanzierung von den Problemen, die er unten im Alltag hatte", erläutert Revenstorf.


Sinnliche Details

Vor Kundengesprächen fuhr der Finanzberater auf einen Parkplatz, versetzte sich in eine kurze Trance und spielte das anstehende Kundengespräch oben in seiner Bergwelt durch. Die tatsächliche Begegnung fiel ihm daraufhin leichter, die Symptome verschwanden, er fand wieder Freude an seiner Arbeit. Das hört sich zwar simpel an, doch die Kraft, die solche mentalen Orte in Hypnosen entfalten können, ist für den Alltagsverstand fast unbegreiflich.


So führt der Bensheimer Hypnotherapeut Stefan Junker, der seit zehn Jahren narkoseunverträgliche Menschen zu Operationen begleitet, seine Patienten in Trance an sogenannte Ressourcenorte: "Oft ist es ein Urlaubsort, den der Betreffende mir vorher geschildert hat. Wichtig ist, dass es sich um einen Platz handelt, an dem der Patient sich gut entspannen kann", sagt er.


Unter Erwähnung möglichst vieler sinnlicher Details bringt Junker den Hypnotisierten an diesen Ort und suggeriert ihm dann Schmerzunempfindlichkeit. Dazu hebt er beispielsweise einen Arm des Patienten und sagt: "Dieser Arm fühlt sich an wie eine starre Stange, ein Fahnenmast im Wind."


Um die Schmerzunempfindlichkeit zu demonstrieren, kneift er kräftig in den Arm. "Der Körper kann vom Arm lernen", fügt Junker dann hinzu und tippt, beispielsweise bei Magenspiegelungen, auf den Bauch. Damit löst er auch dort Schmerzunempfindlichkeit aus.


Die Hypnosesitzung bei Ortwin Meiss geht nach 20 Minuten zu Ende. "Wenn das Unbewusste all das benutzen wird, genau da, wo Sie es brauchen, sinkt die linke Hand allmählich hinab. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen und zu spüren, dass die Hand ganz von selbst hinabgleitet."


Kein Zurück zum alten Zustand

Als die Hand der Journalistin in ihren Schoß sinkt, sagt Meiss: "Nun möchte ich dem Unbewussten danken für diese gute Mitarbeit. Und jetzt bemerken Sie, wie Sie ganz von allein zurückfinden, zurück hier in diesen Raum, Schritt für Schritt. Mit tieferen Atemzügen. Jeder Atemzug richtet Sie ein klein wenig auf, macht wacher. Jetzt machen Sie wieder bewusste Bewegungen, strecken sich." Es ist überraschend, wie schnell man wieder in seinen gewohnten Zustand zurückkehrt.

Aber ist es ganz der alte? Die Frage soll sich zwei Wochen später klären, mit Klarinette vor Publikum in einer Hamburger Kirche. Viele Menschen. Leises Grummeln. Dann der Einsatz fürs Orchester: Es gehört ein wenig guter Wille dazu, aber schon während der ersten Klarinettentöne, die die Journalistin spielt, ruft sie sich das Bild der Arena aus ihrer Hypnosesitzung vor Augen.


Sie muss es gar nicht festhalten, und während sie weiterspielt, achtet sie auch immer weniger auf sich und ihre Finger. Stattdessen hört sie die Streicher, Blechbläser - und den gelungenen Zusammenklang mit ihrer Klarinette. Das Publikum ist weit weg. Nach dem Verklingen des letzten Tons fällt ihr auf, dass sie noch besser gespielt hat als in den Proben.